Auf einmal werden Lösungen interessant..

..die bis vor kurzem noch als unwirtschaftlich und zu teuer angesehen wurden.

Zu einer Radtour der besonderen Art hatte der Verein Solardrom e.V. eingeladen. Schließlich ging es um nicht weniger als um die Frage, wie Hockenheim seinen Energiebedarf bis 2030 selbst decken, und welche Standorte dafür infrage kommen könnten. Auslöser dafür war die Sondersitzung des Gemeinderats zum Thema Klimaschutz, aber auch die boomende Nachfrage nach regenerativen Energien, die nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine einen noch größeren Schub bekommen hatte.

Knapp 25 Personen, darunter auch fünf Stadträte, trotzten dem ungemütlichen Wetter am Samstagmorgen und folgten der Einladung. Nach der Begrüßung durch den Vereinsvorsitzenden Michael Schöllkopf ging es mit dem Fahrrad vom Bahnhofsvorplatz entlang der B36. „Sowohl hier als auch entlang der Bahnstrecke oder auch entlang der Autobahnen könnten Lärmschutzwände mit integrierten Photovoltaikmodulen stehen“, so Schöllkopf, der somit Lärmschutz und solare Stromerzeugung miteinander verbinden will. Ein ungewöhnlicher Vorschlag, doch wenn man im Internet sucht, dann findet man bereits die ersten Realisierungen auf bundesdeutschen Autobahnen.

Und: angesichts der drastischen Preissteigerung der fossilen Energieträger müsse man – so Schöllkopf – für alles offen sein „Auf einmal werden Lösungen interessant, die bis vor kurzem noch als unwirtschaftlich und zu teuer angesehen wurden“.

Weiter ging es zur ehemaligen Bauschuttdeponie an der B39, bei der Thomas Brümmer, Geschäftsführer der kreiseigenen AVR UmweltService Verwaltungs GmbH, bereits wartete. Bereits im Gemeinderat hatte er die Idee präsentiert, auf dem Gelände eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von etwa 1,3 Megawatt und einer jährlichen Strommenge von 1,3 Millionen Kilowattstunden zu installieren, und somit gut 300-400 Haushalte mit umweltfreundlich erzeugtem Strom regional zu versorgen. „Und auf dem Nachbargelände, der ehemaligen Hausmülldeponie, könnte dieselbe Anlage noch einmal installiert werden“, so der in Hockenheim wohnende Brümmer.

Die Gruppe bei der Diskussion (gelbe Jacke mittig: Michael Schöllkopf, links davon Thomas Brümmer, Uwe Heidenreich als 3. v. rechts).

Doch wie soll die Anlage finanziert werden angesichts der stark angespannten Finanzsituation der Kommune und der Stadtwerke? Auch darauf hatte Brümmer eine Antwort: „Geplant ist, dass die Stadtwerke mit AVR zusammen eine Projektgesellschaft gründen. In diesem ersten Step ist eine Bürgerbeteiligung nicht angedacht, um keine weitere Zeit zu verlieren. Sollte danach die zweite Anlage auf der Hausmülldeponie realisiert werden, wäre eine Bürgerbeteiligung denkbar und wünschenswert“. Eine übliche Vorgehensweise, mit der sowohl die Stadtwerke in Form der „Delta Sonnenscheine“ aber auch der Verein Solardrom mit einer Bürgersolaranlage große Erfolge verzeichnen konnten.

Kann es zu Problemen aufgrund von Setzungen kommen, wie bei Deponien üblich? Eher nicht, da die Deponie schon vor langer Zeit stillgelegt wurde. Und: die Photovoltaikmodule würden mit Betonfundamenten befestigt. Kann eine solche Anlage überhaupt rentabel betrieben werden? Dazu Schöllkopf: „Sonnenstrom kostet zwischen acht und zwölf Cent je Kilowattstunde. Je größer die Anlage, desto günstiger“.

Woran scheitert es? „Wir sind in intensiven Verhandlungen mit den Stadtwerken und hoffen, das Konzept bald vorstellen zu können. Eine Realisierung in 2023 ist sportlich, aber machbar“, so Brümmer.

Blick von der ehemaligen Mülldeponie auf Hockenheim.
In der rote Jacke (2. von rechts) ist Uwe Heidenreich, in der gelben Jacke Michael Schöllkopf

Und wie sieht es mit der Umweltverträglichkeit der Anlage aus? Darauf wusste Diplom Biologe Uwe Heidenreich eine Antwort: „Ökologisch gesehen handelt es sich um einen halbtrockenen Rasenstandort, bei dem seltene Pflanzen vorkommen können“. Für ihn kein Hindernis, ganz im Gegensatz zu möglichen Anlagen im Hockenheimer Rheinbogen, dem Natur- und Landschaftsschutzgebiet auf den Gemarkungen von Altlußheim, Ketsch und Hockenheim.

Einen Blick von oben auf Hockenheim konnten die Teilnehmer nach einem kurzen Anstieg genießen – ein Anblick, der einerseits zeigte, dass Hockenheim mit den vielen Bäumen, Gärten und Grünanlagen eigentlich eine grüne Stadt ist. Die andererseits aber auch zeigte, dass es noch viele rote Dächer gibt, die Michael Schöllkopf eher heute als morgen mit Solaranlagen bestückt sehen würde.

Viele Fragen schlossen sich an, die aber alle bewiesen, dass die Idee eines Deponie-Solarparks auf großes Interesse stieß.

Angesichts der weit fortgeschrittenen Zeit musste auf das Anfahren weiterer Standorte – beispielsweise beim Pumpwerk oder auf dem Parkplatz beim Kreisel Hockenheim Nord – verzichtet werden. Doch wer weiß: sollte Interesse bestehen, dann wird der Verein Solardrom sicherlich weitere Radtouren anbieten.